Aller Anfang ist schwer #4

Sonja Fiedler-Tresp

“Ich versuche zu hören, wie die Figuren auf Deutsch mit mir sprechen”

 

Im Interview spreche ich mit Sonja Fiedler-Tresp über ihre Übersetzung von Yorick Goldewijks „Films die nergens draaien“, die Mitte Februar 2024 unter dem Titel „Cato und die Dinge, die niemand sieht“ bei Dragonfly erscheint. Das Buch für Kinder ab zehn Jahren war in den Niederlanden ein großer Erfolg und gewann 2022 den Gouden Griffel, den wichtigsten niederländischen Preis für Kinder- und Jugendbücher. Es wird in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, Englisch, Koreanisch und Italienisch.

 

In „Cato und die Dinge, die niemand sieht“ kann man seine eigene Vergangenheit betreten, indem man durch eine Kinoleinwand geht. Dazu braucht man nur ein Foto von der Szene, in die man einsteigen will. So kann man diesen Moment noch einmal erleben und sogar ein bisschen verändern. Die Hauptfigur Cato begleitet Zeitreisende in die Vergangenheit und findet dabei auch viel über sich selbst und ihre eigene Familie heraus. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater ist seitdem depressiv. Cato begibt sich auf eine Reise durch Zeit und Erinnerung.

 

Was glaubst du, ist die größte Herausforderung beim Übersetzen eines ersten Satzes?
Der erste Satz ist immer der allerschwierigste und ich glaube, das hängt vor allem mit der großen Bedeutung des ersten Satzes zusammen. Jeder, der das Buch aufschlägt, sieht diesen Satz zuerst und manchmal entscheidet sich dann bereits, ob das Buch wirklich gelesen wird oder nicht. Und das habe ich während des Übersetzens immer im Hinterkopf. Dazu kommt oft, dass auch die Autor:innen selbst am Anfang ihres Buches noch nicht ganz im Text zuhause sind. Da ich auch lektoriere, weiß ich, wie unsicher der Anfang einer Geschichte manchmal ist. Das merke ich dann auch beim Übersetzen. Der Buchanfang ist sowieso das, was ich am häufigsten überarbeite. Oft weiß ich ganz zu Beginn einer Übersetzung noch nicht, was kommt, was eigentlich wirklich wichtig ist und wie der Ton ist. Manchmal übersetze ich einzelne Wörter auch zuerst falsch und verstehe erst später, worauf sie sich genau beziehen.

 

Cato was twaalf toen haar vader zei dat ze maar eens volwassen moest worden.

Cato war zwölf, als ihr Vater sagte, dass sie endlich erwachsen werden sollte.

 

Welche Schwierigkeiten sind dir beim Übersetzen dieses ersten Satzes begegnet?
Ich muss sagen, dass mir die Szenerie am Anfang gar nicht so klar war. Die Szene wird im Laufe des Buches noch einmal genauer beschrieben. Catos Vater sagt ihr, dass sie endlich erwachsen werden soll. Erst als ich tief genug in der Geschichte drin war und die Hintergründe kannte, habe ich richtig verstanden, warum Catos Vater so mit ihr spricht und warum er überhaupt so etwas zu ihr sagt. Als Einstieg in das Buch und in das Thema finde ich diesen ersten Satz auch gar nicht so griffig. Mir war zwar schnell klar, wie der Satz im Deutschen lauten muss – ich habe ihn ziemlich wörtlich übersetzt, weil das hier sehr einfach geht – aber ich habe immer wieder darüber nachgedacht, ob es auf Deutsch noch irgendwie besser ginge. Aber letztlich ist es bei dieser sehr wörtlichen Fassung geblieben.

Ist es bei Kinderbüchern eine Herausforderung, als Erwachsene den richtigen Ton zu treffen?
Es ist immer eine Herausforderung, den richtigen Ton zu treffen, aber ich glaube gar nicht, dass es unbedingt mit dem Alter der Lesenden zusammenhängt. Schwieriger finde ich es, den Ton des Autors zu treffen und alles genauso rüberzubringen, wie er es auch gemeint hat. Ich versuche zu hören, wie die Figuren auf Deutsch mit mir sprechen, wie würde das klingen? Dass es altersmäßig auch passen muss, ist natürlich klar. Obwohl ich gar nicht finde, dass Yorick Goldewijk hier tatsächlich kindlich schreibt. Es ist keine sehr kindliche, aber eine sehr schöne Sprache. Für Zehn- bis Zwölfjährige ist es schon ein anspruchsvoller Stil.

Films die nergens draaien, war in den Niederlanden sehr erfolgreich. Was ist für dich das Besondere an dem Buch?
Films die nergens draaien ist ein echtes Geschenk. Schon beim ersten Lesen war ich total begeistert. Es ist aber nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich ein sehr schönes Buch. Es gibt viele Wendungen, die nicht vorhersehbar sind und die Spannung aufbauen. Man kann das Buch auf verschiedenen Ebenen lesen, aber man muss nicht, und gerade darum ist es für jeden etwas, auch für Erwachsene. Neben der Kinderebene, in der der Fokus auf der Abenteuergeschichte liegt, kann man auch auf einer anderen Ebene die Hauptfigur Cato genauer in den Blick nehmen. Cato ist vernachlässigt und hat psychische Probleme. Es geht in dem Buch auch darum, wie Cato mit ihrem sehr komplizierten Leben, in dem sich niemand um sie kümmert, fertig wird.

Hattest du während des Übersetzens Kontakt zum Autor?
Nicht direkt, aber es gab einen indirekten Austausch, weil Yorick Goldewijk selbst noch Korrekturen für sein Buch hatte. Ich habe für die Übersetzung eine Liste mit Dingen, die ich ändern sollte, von ihm bekommen. Der Prozess war sehr interessant, das habe ich vorher noch nie bei einem anderen Buch erlebt. Alle Verbesserungsvorschläge ergaben auch Sinn. Wenn man es einfach nur liest, würde man es wahrscheinlich nicht merken, aber im Vergleich zum niederländischen Originaltext haben sich doch Kleinigkeiten an der Geschichte verändert.

Eine abschließende allgemeine Frage: Welche Fähigkeiten müssen Übersetzer:innen zum Übersetzen von Literatur mitbringen?
Man muss erst einmal sehr gut im Deutschen zu Hause sein und man sollte natürlich auch die Ausgangssprache gut beherrschen. Außerdem braucht man ein Gespür für den Text. Das klingt vielleicht etwas vage, aber das ist nicht immer klar. Bei manchen Büchern weiß ich direkt, wie es auf Deutsch klingen muss, aber ich hab auch schon mal Bücher abgelehnt, weil ich mich nicht richtig zurechtgefunden habe, kein Gefühl für den Text hatte. Auch wichtig ist, dass man dazu in der Lage ist, sich selbst zurückzunehmen und vermeiden, sein eigenes Ding zu sehr reinzubringen. Übersetzen heißt auch, den Stil und die Intention des Autors zu bewahren.

 

Ein Interview von Hanna Otte

 

Sonja Fiedler-Tresp, geboren 1972, studierte Germanistik, Literaturvermittlung und Pädagogik in Bamberg und Antwerpen. Danach folgten ein Fernstudium im Übersetzen und mehrere Jahre im Verlagswesen. Seit 2000 ist Sonja Fiedler-Tresp selbstständige Lektorin und Übersetzerin für Kinder- und Jugendbücher, Rätsel, Romane und Romance.

Weitere Informationen: fiedler-tresp.de