Aller Anfang ist schwer #1

Andrea Kluitmann

Andrea Kluitmann © Keke Keukelaar

“Man muss erstmal in ein Buch reinkommen, damit man es gut übersetzen kann.”

 

Der Debütroman „Nachtbloeiers“ der niederländischen Schriftstellerin und Künstlerin Ananda Serné erschien in den Niederlanden 2022. Er wird jetzt von Andrea Kluitmann ins Deutsche übersetzt. Im Interview spreche ich mit Andrea über den Roman und über die Kunst des Übersetzens.

 

Der Titel dieser Interviewreihe – Aller Anfang ist schwer – bezieht sich auf die Herausforderung, die ersten Sätze eines Romans zu übersetzen. Der Anfang hat eine wichtige Funktion. Er soll die Lesenden in den Bann der Geschichte ziehen und Neugierde wecken. Nicht nur das Schreiben ist eine Herausforderung, auch viele Übersetzer:innen überarbeiten den Anfang eines Romans mehrfach. Wie ist das bei dir? Kennst du dieses Problem?
Ja, auf jeden Fall. Man muss erstmal in ein Buch reinkommen, damit man es gut übersetzen kann. Eigentlich denke ich, dass man den Anfang erst richtig gut machen kann, wenn man das ganze Buch übersetzt hat, weil man erst dann weiß, wie der Ton des Buches ist.
Manche Übersetzer:innen fangen auch in der Mitte eines Buches an zu übersetzen, das hat sich für mich aber nicht bewährt. Ich fange immer am Anfang an. Aber es ist schon so, dass ich die ersten Seiten intensiver überarbeite als den Rest meiner Übersetzung.

 

Het is bekend dat pas wanneer iets er niet meer is, het op waarde wordt geschat. Dat slaat op mensen die uit ons leven verdwijnen, maar met iets alledaags als slaap is dat net zo.

Es ist bekannt, dass etwas erst wertgeschätzt wird, wenn es nicht mehr da ist. Das gilt für Menschen, die aus unserem Leben verschwinden, aber ebenso für etwas so Alltägliches wie Schlaf.

 

In dem Roman Nachtbloeiers von Ananda Serné, um den es heute geht, hängen die ersten beiden Sätze zusammen. Mit welchen Herausforderungen hattest du es hier zu tun?
Naja, es gibt hier schon ein paar Dinge, die mir beim Übersetzen aufgefallen sind, und über die ich immer noch nachdenke. Für „het is bekend“ zum Beispiel gibt es natürlich sehr viele mögliche Übersetzungen. Ich könnte auch mit „jeder weiß“, „man weiß“ oder „es ist ein bekanntes Phänomen“ arbeiten. Oder ganz anders anfangen: Etwas wird erst wertgeschätzt, wenn es nicht mehr da ist. Dieses bekannte Phänomen gilt für Menschen, die aus unserem Leben verschwinden, aber auch für etwas so Alltägliches wie Schlaf.
Vielleicht ist das sogar besser, darüber muss ich auf jeden Fall noch nachdenken und das gegebenenfalls nochmal ändern.
Im niederländischen zweiten Nebensatz steht ein wenig gehäuft: „maar“, „met“, „iets“ und „net zo“. Das geht gut, fällt nicht weiter auf. Im Deutschen muss man aufpassen, dass der Satz nicht „kippt“. In meinen Übersetzungen achte ich auf das Verhältnis zwischen bedeutungsvollen und bedeutungsleeren Wörtern und werfe letztere oft aus, versuche, zu straffen. Ich glaube, da werde ich hier auch noch weiter dran rumschrauben.

Das ist also noch nicht die finale Fassung?
Nein, es ist sicher nicht die letzte Fassung. Die Sätze sind noch sehr nah am Text, so ist das bei mir in den ersten Fassungen oft. Ich versuche immer möglichst schnell einmal durch den Text zu kommen, das ist meine Arbeitsweise. Das Feintuning kommt später.

Was ist deiner Meinung nach hier die Funktion der ersten Sätze?
Der erste Satz führt uns in das Thema ein. Schlaf ist ein Problem. Genauso geht es auch in den folgenden Sätzen weiter. Wir erfahren alles, was wir wissen müssen. Wir wissen, dass die Hauptperson beim norwegischen Institut für Schlaflosigkeit arbeitet und dass Schlaf das Thema des Buches ist. Eine gute Ausgangsposition für die Lesenden, man weiß direkt, worum es geht. Auch ein Grund, warum mir das Buch so gefallen hat. Obwohl das Thema so wenig konkret ist, ist es sehr konkret geschrieben.

Das Thema des Romans ist also Schlaf. Inwieweit spielt der erste Satz schon auf die weitere Handlung des Romans an, worum geht es?
Der Roman spielt sich ab in einer nicht allzu fernen Zukunft, alles ähnelt unserer Welt schon sehr, darum merkt man das am Anfang gar nicht direkt. Im Roman wird die Welt von Schlafmangel bestimmt. Die Leute schlafen dermaßen schlecht, dass sie eine Gefahr für die Gesellschaft sind, weil sie einfach einschlafen, Fehler machen, Unfälle bauen. Um dem vorzubeugen, gibt es sogenannte Schlafwächter und Schlafkliniken. Auch die Hauptfigur Eliza schläft unglaublich schlecht. Sie forscht zu Schlaflosigkeit und schreibt an einem Forschungsantrag für eine Studie zum Einfluss von Partnerschaft auf die Schlafqualität. Im Laufe des Romans verschmilzt ihre Forschung mit ihrem eigenen Leben.

Du hast gerade schon kurz die Bedeutung des Tons für das Übersetzen angesprochen, kannst du den Ton bzw. den Stil des Buches beschreiben?
Für mich kennzeichnet vor allem Leichtigkeit und Humor den Stil des Buches. Es war mir sehr wichtig, das auch in der Übersetzung zu erhalten. Da der Roman fragmentarisch aufgebaut ist, gibt es aber verschiedene Stile im Buch. Der erzählende Text ist verträumt und nicht so konkret, oder vielleicht ein bisschen verschwommen, was meiner Meinung nach übrigens gut zum Thema passt. Immer wieder spielt auch der Forschungsantrag, an dem die Hauptperson Eliza schreibt, eine Rolle. Das hat dann natürlich einen ganz eigenen Stil. Weil ich selbst noch nie so einen Antrag gestellt habe, frage ich bei solchen Dingen häufig Bekannte aus Deutschland, die sich damit auskennen. Ich recherchiere zwar immer viel, aber es kann ja sein, dass etwas in meinen Ohren plausibel klingt, das vielleicht so gar nicht stimmt. Außerdem gibt es noch Fotos aus den 1970-er Jahren im Buch, die den Text illustrieren. Wie ich damit umgehe, weiß ich noch nicht genau, denn auch die Wehmütigkeit der Fotos macht den Stil des Buches aus.

Zum Schluss noch einige ganz konkrete Fragen: Wie lange arbeitest du schon an dem Buch, wie viel Zeit planst du dafür ein und wann wird die Übersetzung erscheinen?
Am Anfang einer Übersetzung weiß man nie, ob einem das Buch liegt, darum kann ich das manchmal schwer einschätzen. Hier läuft es aber gut. Ich arbeite seit drei Wochen daran, mache jetzt eine kurze Pause. Insgesamt habe ich für den Roman drei Monate eingeplant.
Die Übersetzung erscheint voraussichtlich Anfang Februar 2024 unter dem Titel „Nachtblüher“ bei Weissbooks.

 

Ein Interview von Hanna Otte

 

Andrea Kluitmann hat Germanistik, Filmwissenschaft und Kinderpsychologie in Bochum und Amsterdam studiert. Heute lebt und arbeitet sie in Amsterdam. Sie übersetzt niederländische Literatur, Graphic Novels, Drehbücher und Theaterstücke ins Deutsche. Außerdem arbeitet sie als Sprachtrainerin für Autor:innen und Menschen, die im Kultursektor tätig sind.

Weitere Informationen: andreakluitmann.nl

Andrea Kluitmann © Keke Keukelaar